Ein Leben in Würde im Alter war gestern

Ingrid Jost

Heute wird nur noch der unterstützt, der nach einem harten Arbeitsleben weiterarbeiten kann. Der darf nämlich bis zu 2.000 € steuerfrei dazu verdienen, wenn er das gesetzliche Regelrentenalter überschritten hat. Das Wort Aktivrente legt den Schluss nahe, dass die anderen Rentnerinnen und Rentner offenbar zu den Passiven gehören, weil sie keine schwere körperliche Arbeit mehr leisten können oder aber zu denjenigen 6,3 Millionen Menschen gehören, die im viel zu großen Niedriglohnsektor arbeiten und lediglich davon träumen können, überhaupt steuerfrei 2.000 € zu verdienen. Der steuerliche Grundfreibetrag liegt für erwerbstätige Menschen im Niedriglohnbereich 2026 bei 12.348 €, ist also niedriger als der bei der Aktivrente. Es sind in der Regel Rentner*innen, die gut verdienen, die den vollen Steuerfreibetrag von 2.000 € monatlich für die „Aktivrente“ ausschöpfen können, der ärmere Teil der Rentner*innen arbeitet, wenn es der gesundheitliche Zustand zulässt, in schlecht bezahlten Minijobs.

Wie eine Anfrage der Linken im Bundestag ergab, steigt die Lebensarbeitszeit schneller als die Lebenserwartung. Ein weiterer Aspekt findet ebenfalls kaum die notwendige Aufmerksamkeit, nämlich die Tatsache, dass die Lebenserwartung wohlhabender Rentner*innen höher ist als diejenige der finanziell schlechter gestellten. Armut kostet wortwörtlich Lebensjahre.

Während die einen jeden Cent dreimal umdrehen müssen, weil die Lebenshaltungskosten rasant steigen und die Armut sich in unserem Land immer weiter ausbreitet, bekämpft die Regierung die Armen und nicht die Armut, schlimmer noch, sie verfestigt die Armut mit ihrer menschenverachtenden Politik. Viele Menschen müssen sich überlegen, ob sie die Fahrt zum Arzt oder lieber eine warme Mahlzeit finanzieren. Trotzdem fällt der Regierung nichts Besseres ein, als 1,6 Milliarden € für 2 Monate Steuererleichterung beim Sprit zu investieren. Ganz abgesehen davon, dass sich die letzte Steuererleichterung überwiegend als Zusatzgewinn für die Ölkonzerne herausgestellt hat, wäre dieser Betrag sehr viel besser beim ÖPNV angelegt, damit es sich jeder Mensch leisten kann, sein Recht auf Mobilität auch tatsächlich wahrzunehmen. Wenn es eine bessere Verfolgung der Steuerhinterziehung geben würde, könnte man mit den geschätzten 100 Milliarden Verlusten jährlich einen kostenlosen ÖPNV für alle finanzieren.